Presseinfo / Der Besuch von Mohamed bin Zayed in Deutschland: Ein neues Kapitel der deutsch-emiratischen strategischen Partnerschaft
Der Besuch des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan, in Deutschland findet zu einem für die Beziehungen zwischen beiden Ländern besonders wichtigen Zeitpunkt statt. Er ist weit mehr als ein hochrangiger diplomatischer Besuch. Vielmehr steht er für die Herausbildung einer Partnerschaft, die zunehmend von den Realitäten einer sich wandelnden internationalen Ordnung geprägt wird: von Energieunsicherheit, geopolitischer Fragmentierung, anfälligen Lieferketten, technologischem Wettbewerb und dem wachsenden Bedarf an verlässlichen internationalen Partnern.
Für Deutschland sind die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) längst nicht mehr nur ein bedeutender Absatzmarkt am Golf oder ein Energiepartner. Das Land entwickelt sich zunehmend zu einem strategisch wichtigen Wirtschafts- und Investitionszentrum mit globaler Reichweite. Für die VAE wiederum eröffnet Deutschland den Zugang zur größten Volkswirtschaft Europas, zu fortschrittlichen Technologien, hochentwickeltem Ingenieurwesen, leistungsfähigen Forschungsstrukturen und erheblichem politischem Gewicht innerhalb der Europäischen Union.
Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sollten daher über den traditionellen Rahmen der deutsch-arabischen Wirtschaftsbeziehungen hinaus betrachtet werden. Ihre Entwicklung deutet auf eine umfassendere strategische Annäherung hin, in der Handel, Investitionen, Energie, Technologie, Sicherheit und Diplomatie zunehmend ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken.
Deutschland und die VAE nahmen 1972 diplomatische Beziehungen auf und institutionalisierten ihre strategische Partnerschaft im Jahr 2004. Seither wurde die Zusammenarbeit kontinuierlich auf die Bereiche Energie, Investitionen, Technologie, Innovation, Sicherheit, Diplomatie, Bildung und Kultur ausgeweitet. Die 2017 begründete Energiepartnerschaft und ihre Erweiterung zu einer Energie- und Klimapartnerschaft im Jahr 2021 zeugen von der Fähigkeit beider Länder, ihre Zusammenarbeit an veränderte wirtschaftliche und geopolitische Rahmenbedingungen anzupassen.
Die jüngste Phase dieser Entwicklung ist jedoch qualitativ anders. Zunehmend geht es darum, das gewachsene politische Verständnis in langfristige wirtschaftliche und strategische Projekte zu überführen.
Ein bedeutendes Signal für diesen Wandel war der Besuch des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz in Abu Dhabi am 6. Februar 2026. Bei seinen Gesprächen mit Präsident Scheich Mohamed bin Zayed standen politische und wirtschaftliche Fragen im Mittelpunkt. Begleitet wurde der Besuch von einer Reihe von Absichtserklärungen unter anderem in den Bereichen Energie, Batteriespeicherung, Chemie und Sport. Der Besuch machte deutlich, dass sich die bilateralen Beziehungen von allgemeinen politischen Absichtserklärungen hin zu konkreten sektoralen Partnerschaften entwickeln.
Über den Handel hinaus: Eine Partnerschaft auf der Grundlage komplementärer Stärken
Die Wirtschaftsbeziehungen bleiben das Fundament der Partnerschaft. Das Auswärtige Amt bezeichnet die VAE als Deutschlands wichtigsten Wirtschaftspartner in der Region. Allein im ersten Halbjahr 2025 belief sich das bilaterale Handelsvolumen auf mehr als 6,2 Milliarden Euro, während die deutschen Importe aus den VAE um 50 Prozent zunahmen. Rund 2.000 deutsche Unternehmen sind in den VAE tätig, von denen viele das Land als Ausgangspunkt für ihre Aktivitäten im Nahen Osten, in Afrika und Teilen Asiens nutzen.
Die strategisch wichtigere Entwicklung geht jedoch über die Handelszahlen hinaus.
Deutschland und die VAE verfügen über in hohem Maße komplementäre wirtschaftliche Stärken. Deutschland bringt industrielles Know-how, hochentwickelte Ingenieurskompetenz, Fertigungsfähigkeiten sowie Forschungs- und Technologieexpertise ein. Die VAE verfügen über Kapital, Infrastruktur, Logistik, Energieressourcen, globale Vernetzung und ein zunehmend ausgereiftes Investitionsökosystem.
Daraus ergibt sich die Grundlage für eine neue wirtschaftliche Formel: deutsche Technologie und industrielle Expertise kombiniert mit emiratischem Kapital, Infrastruktur und globalem Marktzugang.
Die nächste Entwicklungsstufe der Beziehungen sollte daher nicht allein daran gemessen werden, wie viele deutsche Waren in die VAE exportiert werden oder wie viel emiratisches Kapital nach Deutschland fließt. Die strategisch entscheidende Frage lautet vielmehr, ob beide Länder gemeinsame Wertschöpfungsketten aufbauen, Produktionspartnerschaften etablieren, Forschungs- und Innovationsprojekte entwickeln und Investitionen schaffen können, die in beiden Märkten nachhaltigen Mehrwert generieren.
Die VAE als Tor deutscher Unternehmen zu erweiterten Märkten
Eine der strategisch bedeutendsten, zugleich aber mitunter unterschätzten Dimensionen der bilateralen Beziehungen ist die Rolle der VAE als regionale Plattform für deutsche Unternehmen.
Für viele deutsche Unternehmen geht es bei ihrer Präsenz in den VAE nicht in erster Linie darum, den emiratischen Binnenmarkt zu bedienen. Vielmehr bietet das Land Zugang zu den Golfstaaten, dem Nahen Osten, Afrika und Südasien. Seine Logistikinfrastruktur, Finanzdienstleistungen, internationale Vernetzung und sein Investitionsumfeld machen die VAE zu einem natürlichen Standort für Unternehmen, die ihre Aktivitäten über Europa hinaus ausweiten wollen.
Damit erhält die bilaterale Beziehung eine geografische Dimension, die weit über Deutschland und die VAE hinausreicht.
Umgekehrt kann Deutschland eine vergleichbare Funktion für emiratische Investoren übernehmen, die Zugang zu Europas industriellen, technologischen und wissenschaftlichen Ökosystemen suchen. Diese wechselseitige Funktion als Plattform könnte zu einem der prägenden Merkmale der bilateralen Beziehungen im kommenden Jahrzehnt werden.
Energiesicherheit trifft auf Energiewende
Energie steht weiterhin im Zentrum der deutsch-emiratischen Zusammenarbeit, doch ihre Bedeutung verändert sich.
Traditionell waren die Beziehungen zwischen Europa und den Golfstaaten maßgeblich durch Öl und Gas geprägt. Heute ist Energiesicherheit zunehmend mit erneuerbaren Energien, Wasserstoff, Batteriespeicherung, CO₂-armen Technologien und der Dekarbonisierung der Industrie verbunden.
Für Deutschland haben die Entwicklungen der vergangenen Jahre die strategischen Risiken einer übermäßigen Abhängigkeit von einer begrenzten Zahl von Energieversorgern deutlich gemacht. Diversifizierung, Verlässlichkeit und Resilienz sind deshalb zu zentralen Bestandteilen der deutschen Energiestrategie geworden.
Die VAE nehmen in dieser sich wandelnden Landschaft eine besondere Position ein. Das Land bleibt ein bedeutender Produzent konventioneller Energieträger und investiert gleichzeitig massiv in erneuerbare Energien und CO₂-arme Technologien. Dadurch können beide Länder eine pragmatische Energiepartnerschaft verfolgen, die Energiesicherheit heute und die Energiewende von morgen nicht als gegensätzliche Ziele betrachtet.
Die während des Deutschlandbesuchs von Bundeskanzler Merz im Februar angekündigten Vereinbarungen verdeutlichen diesen Ansatz. ADNOC und RWE vereinbarten eine Zusammenarbeit entlang der Gas- und LNG-Wertschöpfungskette, während Masdar und RWE Möglichkeiten der Kooperation bei Batteriespeichersystemen in Deutschland und Europa ausloteten.
Gerade die letztgenannte Entwicklung ist von besonderer Bedeutung. Die VAE entwickeln sich zunehmend von einem reinen Energielieferanten zu einem Investor und Partner beim Aufbau der Infrastruktur, die für Europas künftiges Energiesystem erforderlich ist.
Technologie könnte die nächste Phase bestimmen
Wenn Energie historisch zu den tragenden Säulen der deutsch-emiratischen Beziehungen gehörte, könnte Technologie zur prägenden Säule der nächsten Phase werden.
Die VAE haben künstliche Intelligenz, digitale Infrastruktur, Zukunftstechnologien und Innovation ins Zentrum ihrer wirtschaftlichen Transformation gestellt. Deutschland verfügt seinerseits über international wettbewerbsfähige Kompetenzen in den Bereichen industrielle Automatisierung, Ingenieurwesen, fortschrittliche Fertigung, künstliche Intelligenz, Robotik und industrielle Forschung.
Die potenziellen Kooperationsfelder sind vielfältig: künstliche Intelligenz, Dateninfrastruktur, Robotik, fortschrittliche Fertigung, Cybersicherheit, Halbleiter, intelligente Mobilität, Energietechnologien und industrielle Dekarbonisierung.
Das Ziel sollte dabei nicht lediglich im Technologietransfer bestehen. Ein ambitionierteres Modell würde gemeinsame Forschung und Entwicklung, Koinvestitionen und den Aufbau integrierter Innovationsökosysteme umfassen.
Eine solche Zusammenarbeit würde beiden Ländern zugutekommen. Deutschland ist bestrebt, seine industrielle Wettbewerbsfähigkeit in einer zunehmend technologiegetriebenen Weltwirtschaft zu stärken. Die VAE wiederum wollen sich als globales Zentrum für Innovation und fortschrittliche Technologien etablieren.
Das Zusammentreffen dieser beiden Ambitionen eröffnet die Möglichkeit, von einer Käufer-Verkäufer-Beziehung zu einer Partnerschaft überzugehen, die auf gemeinsamer Entwicklung und gemeinsamen Investitionen basiert.
Wirtschaftliche Sicherheit wird zunehmend zur strategischen Sicherheit
Eine weitere wichtige Entwicklung ist die zunehmende Verknüpfung von wirtschaftlicher und geopolitischer Sicherheit. Energieversorgung, maritime Verkehrswege, Logistik, Lieferketten und finanzielle Stabilität sind keine voneinander isolierten Politikfelder mehr. Eine Störung in einem Bereich kann sich rasch auf die anderen auswirken.
Dies ist für die VAE von besonderer Bedeutung, da ihr global ausgerichtetes Wirtschaftsmodell in hohem Maße von Handel, Logistik, Häfen, Energie und internationaler Vernetzung abhängt. Eine länger anhaltende Störung der maritimen Verkehrswege am Golf kann daher nicht nur die regionale Sicherheit beeinträchtigen, sondern auch Auswirkungen auf den Welthandel, Versicherungskosten, Energieflüsse und globale Lieferketten haben.
Für Deutschland sind die Auswirkungen ebenso erheblich. Als eine der führenden Industrie- und Exportwirtschaften der Welt ist Deutschland auf stabile internationale Handelswege und widerstandsfähige globale Wertschöpfungsketten angewiesen. Instabilität am Golf kann letztlich auch die europäische Industrie treffen.
Europa sollte daher die Sicherheit am Golf zunehmend als Bestandteil seiner umfassenderen wirtschaftlichen Sicherheit betrachten und nicht als ein weit entferntes regionales Problem.
Hier entsteht ein bedeutendes Feld der Interessenübereinstimmung zwischen Berlin und Abu Dhabi: Deutschland hat ein unmittelbares Interesse an Energie- und Lieferkettensicherheit, während die VAE ein unmittelbares Interesse an maritimer Sicherheit und am Schutz der Infrastruktur haben, auf der der globale Handel beruht.
Eine diplomatische Brücke zwischen Europa und dem Golf
Die strategische Bedeutung der deutsch-emiratischen Beziehungen reicht auch in den Bereich der Diplomatie hinein.
Deutschland verfügt innerhalb der EU und der NATO über erhebliches politisches und institutionelles Gewicht. Die VAE hingegen haben ein breit diversifiziertes Netzwerk internationaler Beziehungen aufgebaut, das die Vereinigten Staaten, Europa, China, Indien, Japan, Russland und weitere internationale Akteure umfasst. Diese Ansätze unterscheiden sich, können sich jedoch gegenseitig ergänzen.
Deutschland kann Zugang zu europäischen Entscheidungsprozessen eröffnen und dazu beitragen, Perspektiven der Golfregion mit den europäischen Institutionen zu verbinden. Die VAE wiederum können ihr breit gefächertes internationales Beziehungsnetz und ihre Fähigkeit einbringen, den Dialog mit unterschiedlichen regionalen und globalen Akteuren aufrechtzuerhalten.
Damit kann die bilaterale Beziehung eine Rolle übernehmen, die über die unmittelbaren Interessen beider Länder hinausgeht. Sie könnte zu einem Kanal werden, über den europäische und Golfinteressen in Fragen der Energiesicherheit, regionalen Stabilität, des Handels, humanitärer Herausforderungen und der Konfliktdiplomatie besser aufeinander abgestimmt werden können. In einem zunehmend polarisierten internationalen Umfeld gewinnen solche Dialogkanäle an Bedeutung.
Ein umfassenderer Handelsrahmen?
Die Möglichkeit eines umfassenderen Handelsrahmens stellt eine weitere potenziell wichtige Entwicklung dar.
Während seines Besuchs im Februar 2026 signalisierte Bundeskanzler Merz das deutsche Interesse an einer engeren Zusammenarbeit in der Außenhandelspolitik, einschließlich der Möglichkeit eines Freihandelsabkommens mit den VAE. Ein solches Abkommen müsste allerdings im Rahmen der gemeinsamen Handelspolitik der Europäischen Union und nicht als rein bilaterale deutsch-emiratische Vereinbarung betrachtet werden. Dennoch ist das politische Signal von erheblicher Bedeutung.
Die Bedeutung eines solchen Rahmens würde weit über Zölle hinausgehen. Ein ambitionierteres Abkommen könnte Investitionen, Dienstleistungen, Technologie, Lieferketten und regulatorische Zusammenarbeit umfassen und damit ein berechenbareres Umfeld für Unternehmen und Investoren schaffen.
Für Deutschland könnte eine stärkere wirtschaftliche Integration mit den VAE zusätzliche Chancen für Industrieexporte, Ingenieurleistungen, Technologie- und Infrastrukturunternehmen eröffnen. Für die VAE würde ein verbesserter Zugang zum europäischen Markt ihre Position als globaler Handels- und Investitionsstandort weiter stärken.
Die menschliche Dimension
Strategische Partnerschaften können nicht allein von Regierungen und Unternehmen getragen werden. Bildung, Kultur und Forschung bilden eine wichtige gesellschaftliche Grundlage für die Beziehungen.
Deutschland unterhält anerkannte deutsche Schulen in Abu Dhabi, Dubai und Sharjah. Das Goethe-Institut verfügt seit 2006 über ein Regionalbüro in Abu Dhabi und seit 2007 über ein Sprachzentrum in Dubai. Darüber hinaus tragen rund 20 akademische Kooperationsinitiativen zwischen Universitäten und Institutionen beider Länder zu den zwischenmenschlichen Verbindungen bei.
Diese Netzwerke sind von großer Bedeutung, denn politische und wirtschaftliche Prioritäten verändern sich zwangsläufig. Akademische, kulturelle und berufliche Verbindungen können die Kontinuität schaffen, die für eine langfristig angelegte Partnerschaft erforderlich ist.
Eine Partnerschaft mit europäischer Bedeutung
Letztlich reicht die Bedeutung der deutsch-emiratischen Beziehungen über die bilaterale Ebene hinaus.
Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas und eine seiner wichtigsten Industriemächte. Die VAE gehören zu den international am stärksten vernetzten Volkswirtschaften der Golfregion und sind ein bedeutendes Zentrum für Energie, Investitionen, Logistik und internationalen Handel.
Die Partnerschaft beider Länder steht damit im Schnittpunkt mehrerer strategischer Prioritäten Europas: Energiesicherheit, Investitionen, resiliente Lieferketten, technologische Wettbewerbsfähigkeit und regionale Stabilität.
Die VAE können Europa Kapital, Energie, Logistik und Zugang zu globalen Märkten bieten. Deutschland kann den VAE industrielle Technologien, Ingenieurkompetenz, Forschungskapazitäten und Zugang zum europäischen Wirtschaftsraum bieten.
Diese Komplementarität verleiht der Beziehung das Potenzial, eine Brücke zwischen Europas industriellen und technologischen Fähigkeiten und den Kapital-, Energie- und globalen Vernetzungsressourcen der Golfregion zu bilden.
Die entscheidende Bewährungsprobe besteht nun darin, ob beide Regierungen und die Privatwirtschaft den politischen Schwung in dauerhafte Institutionen, Investitionen und gemeinsame Projekte überführen können.
Der Besuch von Präsident Scheich Mohamed bin Zayed in Deutschland sollte daher nicht lediglich als weiterer Meilenstein der bilateralen Diplomatie betrachtet werden. Er bietet vielmehr die Gelegenheit, die nächste Generation der deutsch-emiratischen Beziehungen zu definieren.
Die Zukunft der Partnerschaft wird daher nicht allein in Euro, Handelsvolumen oder Investitionssummen gemessen werden. Ihr tatsächlicher Wert wird sich daran zeigen, ob Deutschland und die VAE gemeinsam die Energiesicherheit stärken, Zukunftstechnologien entwickeln, widerstandsfähige Lieferketten aufbauen, Investitionen vertiefen und zur regionalen Stabilität beitragen können.
Die entscheidende Frage ist daher nicht mehr, ob Deutschland und die VAE strategische Partner sind, sondern wie strategisch diese Partnerschaft künftig tatsächlich werden kann.
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Dr. Mohammad Abu Ghazleh
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